Ich kann nicht nach Berlin

Eigentlich ist Berlin immer eine Reise wert. Deswegen war es auch fest eingeplant, dieser Tage mit dem Junior nach Berlin zu reisen. Aber zum einen gibt es immer noch das Beherbergungsverbot, Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen und zum anderen wäre es auch schlichtweg unverantwortlich gewesen.

Wir hätten uns bereits gestern auf den Weg nach Berlin gemacht. Mit der Regionalbahn ist man in nur 37 Minuten in Dortmund, von dort geht es mit dem ICE weiter nach Berlin. Das Ganze dauert etwa 3,5 Stunden, summiert kommt man damit auf ca. 4 Stunden. Mit dem Auto wäre das schon ziemlich sportlich. Außerdem braucht man in der Hauptstadt vieles, aber kein Auto. Im Bordrestaurant gibt es übrigens Rinderroulade nach flämischer Art mit Stamppot und einer Flasche Heineken. Hört sich gut an, hätte ich auf jeden Fall probiert.

Pünktlich in Berlin angekommen geht es weiter per S-Bahn zum Alexanderplatz, wo wir im ParkInn-Hotel bis Sonntag residieren. Es ist schon spät und reisen schlaucht, deswegen geht es nur kurz zum „Alex“ wo es beim Currywurst Express eine Currywurst gibt. Auf der Homepage steht was von originaler Currywurst. Allerdings kann die originale Currywurst nur aus dem Ruhrgebiet kommen. Stilecht gibt es dazu für mich ein Berliner Pilsner und für den Junior ´ne Cola. Dann geht’s ab ins Bett, schließlich haben wir morgen so Einiges vor.

Photo by Pixabay on Pexels.com

Von unserem Zimmer aus haben wir einen tollen Blick über die Hauptstadt. Praktisch, dass das Hotel das Höchste in ganz Berlin ist. Das sehen wir aber erst am nächsten Morgen, kurz bevor es runter zum Frühstück geht. Wir stärken uns für den Tag und starten danach direkt in Richtung Bundestag. Wir nehmen den Weg zu Fuß, die 2,8 Kilometer sind locker zu schaffen und mit der Bahn würde uns vieles entgehen. Der Fernsehturm, der Berliner Dom, sowie die Straße „Unter den Linden“. Die Straße gehört zu den sogenannten Prachtstraßen und verbindet den Pariser Platz mit dem Forum Fridericanum. Die Straße war schon im 19. Jahrhundert wichtig. In den Anfängen der Straße gab es sogar eine Kleiderordnung für Fußgänger, auch die ersten Pferdebusse (1846) und die ersten motorisierten Omnibusse (1905) fuhren hier. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde die Straße verbreitet, die Straße sollte ein Teil der Ost-West-Achse zur Welthauptstadt Germania werden. Gut, dass es niemals so weit gekommen ist. Zurück in die Gegenwart: Wir passieren zahlreiche Botschaften und nehmen Kurs aufs Brandenburger Tor, bevor wir kurz vor dem Tiergarten in Richtung Reichstagsgebäude abbiegen.

Photo by Abdel Rahman Abu Baker on Pexels.com

Wir stellen uns an, um ein Blick auf die Kuppel zu werfen. Der erste Pflichtbesuch für unseren Berlinbesuch. Früher konnte man sich spontan für einen Besuch entscheiden, heute ist eine vorherige Anmeldung erforderlich. Der Eintritt ist aber weiterhin kostenfrei. Von dort aus gehen wir zum Bundeskanzleramt. Noch regiert Angela Merkel. Aber ich bin sehr gespannt, welche Kanzlerin dort demnächst ihre Umzugskisten auspacken wird.

Beim Besuch des „Denkmals für die ermordeten Juden Europas“ werden wir nachdenklich, vor allem, wenn man den ewig Gestrigen zuhören muss. Nicht nur bei denen muss man dagegenhalten, auch der Alltagsrassisimus gehört in seine Schranken gewiesen.

Photo by Pixabay on Pexels.com

Von da aus geht es einmal rum um den Reichstag, dort steht das Solidarnosc-Denkmal, ein Stück Ziegelmauer, die des Öfteren mit der Berliner Mauer verwechselt wird. Allerdings steht das Denkmal für den Kampf der Solidarnosc für Freiheit und Demokratie und als Beitrag Polens zur Wiedervereinigung Deutschlands und für ein politisch geeintes Europa. Von einem geeinten Europa ist man in Deutschland und Polen zurzeit aber meilenweit entfernt.

Von dort aus geht es zur Stärkung kurz zu BRLO, der Craftbier-Brauerei. Dort gibt es aber nicht nur Getränke, sondern im BRLO Brwhouse auch was Leckeres zu essen. Zuletzt gab es dort Dry Aged Schweinebauch vom Mangalitza Schwein mit Süßkartoffelstampf. Der Junior hätte sich garantiert für die Rippchen entschieden. Dazu hätten ich ein Ooh La La bestellt, das BRLO gemeinsam mit „Run the Jewels“ gebraut hat. Der Junior würde ´ne Apfelschorle genommen.

Von hier aus geht’s zurück in Richtung Mitte, wo wir in die Linie 200 steigen, die uns noch an einigen Sehenswürdigkeiten vorbeiführen wird. Wir sind platt, als es für uns in Richtung Alexanderplatz zurück zum Hotel geht. Dort geht es für uns noch in die Zille-Stube, einem Restaurant mit lokalen Spezialitäten, was glücklicherweise direkt im Hotel liegt. Der Junior nimmt, immer wenn es möglich ist, das Schnitzel mit Pommes. Der Salat bleibt meistens liegen. Schnitzel hört sich gut an. Ich nehme aber trotzdem das gegrillte Rumpsteak mit Zwiebeln und Bratkartoffeln.

Der Freitag ist kein Feiertag. Schade, gestern konnte ich mich noch vor dem SonyCenter und dem Potsdamer Platz drücken. Der Potsdamer Platz war bis 1989 eine innerstädtische Brachfläche, vorher einer der breitesten Todesstreifen in der DDR. In Berlin kann man kaum einen Meter gehen, ohne auf deutsche und europäische Geschichte zu stoßen. Früher, genauer gesagt 1838, war der Potsdamer Platz eine fünfarmige Straßenkreuzung, später wurde daraus ein Warenumschlagplatz und einer der beliebtesten Plätze Europas. Der Boom begann in den 1870er-Jahren. Es wurden gastronomische Betriebe gebaut und die ganze Stadt befand sich im wirtschaftlichen Aufschwung.

Photo by Viesturs Davidu010duks on Pexels.com

In den goldenen Zwanzigern konnte man den Berliner Puls am besten am Potsdamer Platz spüren. Der „PP“ wurde das Zentrum des bürgerlichen Amüsements. In dieser Zeit entstand auch der UFA-Filmpalast.

Während des zweiten Weltkrieges wurde der Platz fast vollständig zerstört. Lediglich das Weinhaus Huth und eine Hotelruine blieben noch erhalten. Nach dem Krieg war hier das „Dreiländereck“ zwischen der amerikanischen, britischen und sowjetischen Zone. Während dieser Zeit florierte der Schwarzmarkt. Um August 1948 wurde der Grenzverlauf zwischen den Westsektoren und dem Ostsektor markiert. Die Bebauung wurde nur notdürftig wiederhergerichtet und am 17. Juni 1953 brannten die Gebäude beim Volksaufstand erneut nieder. Die Leerstände und die unklaren Verhältnisse prägten den Platz in den Folgejahren.

Mit dem Bau der Mauer und der Teilung des Landes wurde der Platz zum Todesstreifen. Die meisten Gebäude im Niemandsland wurden abgerissen. Die Ruinen westlich der Mauer wurden vom Berliner Senat gekauft. Die ursprünglichen Pläne einer Stadtautobahn konnten erst nach der Wende umgesetzt werden.

Wenige Tage nach dem Mauerfall wurde ein Stück Mauer herausgebrochen und ein provisorischer Grenzübergang geschaffen. Danach folgen lange Jahre einer Mammutbaustelle, heute findet man zahlreiche Shops, gastronomische Angebote, Kulturangebote und Büros rund um den Potsdamer Platz. Nicht zu vergessen ist natürlich das Sony Center. Auch da müssen wir nochmal durch. Inzwischen ist es spät geworden. Also geht es zurück in Richtung Alexanderplatz, wo wir uns im Hotel aufs Abendessen vorbereiten.

Essen ist das Stichwort: Weil wir nichts verpassen wollen, geht es wieder zu Fuß weiter. Unser Ziel ist das Brauhaus Georgbräu, das direkt am Spreeufer liegt. Auf unserem Weg dorthin passieren wir den Alexanderplatz, den Berliner Fernsehturm, Neptunbrunnen und das Nikolaiviertel. Das Brauhaus liegt einen Steinwurf von der Spree entfernt. Wir haben Hunger uns werfen einen hungrigen Blick in die Karte. Während der Junior wie immer beim Schnitzel bleibt, nehme ich zwei Frikadellen, die hier Bouletten heißen. Dazu gibt’s Kartoffelsalat. Deftig und lecker. Dazu gibt es das Georgbräu in der hellen Variante. Das Bier ist leicht trüb und hat einen stabilen Schaum. Es ist ein süffiges Lager micht fruchtigen Aromen. Dafür sorgt der gute Hopfen aus dem Hallertau. Im Antrunk ist es brotig, dann kommen Aromen, die an Orange und Apfel erinnern, ehe am Schluss die Herbe durchkommt. Klingt gut, ich würde garantiert noch eins nehmen.

Auf dem Rückweg gibt’s es direkt auf dem Alexanderplatz echtes italienisches Eis für uns. Genug für heute. Mit Vorfreude auf den morgigen Tag geht es wenig später ins Bett.

Reisen und Sightseeing machen müde, deswegen sind wir direkt eingeschlafen und wurden durch den Wecker aus dem Tiefschlaf gerissen. Macht aber nichts, wir haben noch so Einiges vor: Heute geht es bei schönstem Wetter in die Stasi-Gedenkstätte nach Hohenschönhausen. Dafür steigen wir am „Alex“ in die Straßenbahn, die uns bis zur Haltestelle Freienwalder Straße bringt. Von dort aus sind es knappe zehn Minuten zu Fuß. Das schaffen wir.

Das ehemalige Stasi-Gefängnis wurde 1990 nach der Wiedervereinigung geschlossen, relativ schnell danach haben sich ehemalige Häftlinge dafür eingesetzt, an diesem Ort eine Gedenkstätte zu schaffen. Das weitläufige Gebäude wurde 1992 unter Denkmalschutz gestellt und wurde 1994 zur Gedenkstätte, seit 2000 gilt sie als selbstständige Stiftung öffentlichen Rechts. In einem „normalen Jahr“ wären wir zwei von rund 440.000 Besucherinnen und Besuchern gewesen. Die Besucher*innen werden von ehemaligen Häftlingen durch die Gebäude geführt. Ich habe eine solche Besichtigung bereits „real“ mitgemacht und kann sie jedem Berlin-Besucher nur wärmstens ans Herz legen.

Seit 1951 waren die Gebäude ein Stasi-Gefängnis. Zahlreiche Bürgerinnen und Bürger waren inhaftiert. Unter ihnen Streikführer, Zeugen Jehovas, Funktionäre wie der ehemalige DDR-Außenminister Georg Dertinger und viele andere mehr. Auch Kritiker aus dem Westen wurden entführt und inhaftiert. Ende der fünfziger Jahre mussten Häftlinge aus einem benachbarten Arbeitslager einen Neubau mit 200 Zellen und Vernehmungszimmern einrichten. Wer in der ehemaligen DDR seine Flucht geplant hat oder ein politisch Andersdenkender war, musste damit rechnen, nach Hohenschönhausen gebracht zu werden. Umso wichtiger, dass das Museum erhalten bleibt und die vielen Geschichten der Opfer erzählen kann.

Nach der Führung müssen wir erst mal durchatmen, machen uns aber dann wieder auf den Weg zurück nach Mitte. Dort gibt es  im jüdischen Museum aktuell die Ausstellung „Jüdische Geschichte und Gegenwart in Deutschland“. Nicht, dass man mich falsch versteht. Ich bin sehr dafür die jüdische Vergangenheit in Deutschland zu betrachten. Ich bin noch mehr dafür, dass jeder weiß was mit den Juden in Deutschland während der Nazi-Zeit passiert ist. Ich wäre auch dafür, dass jede Schülerin und jeder Schüler während seiner Schulzeit ein Konzentrationslager besuchen sollte. Ich bin ganz deutlich gegen Rassismus, Antisemitismus und gegen jede andere Form von radikalem Gedankengut. Es ist unsere Pflicht, sich diesen Menschen entgegenzustellen. So gab es 2019 rund 2.000 Taten gegen Juden und jüdische Einrichtungen, im letzten Jahr ist diese Zahl nochmal deutlich (2.275) gestiegen. Eine schlimme Entwicklung.

Photo by cottonbro on Pexels.com

Dennoch finde ich es gut, dass sich das Museum auch mit der Gegenwart beschäftigt. Laut dem deutschen Innenministerium ist die jüdische Gemeinschaft in Deutschland mit 95.000 Menschen die drittgrößte in Europa. Vor 1933 waren es insgesamt 560.000 Menschen, 1950 waren es nur noch 15.000 Jüdinnen und Juden.

Auch das sind Zahlen die man erst mal sacken lassen muss. Das war viel heute, schweigend und jeder seinen Gedanken nachgehend, geht es wieder zurück zur Herberge. Wichtig ist es, über das Gesehene nochmal zu reden und die Rückschlüsse für die Aktualität zu ziehen.

Am Abend wird es nochmal traditionell: Es geht mit der S-Bahn vom Alex vorbei an Nationalgalerie und zweimal über die Spree. Auch die Charite und das Schloss Bellevue lassen wir hinter uns und steigen nach 23 Minuten am Savignyplatz aus. Vor dort aus geht es einmal über den Kudamm ins Restaurant Schildkröte.

Die Schildkröte gibt es schon seit 1936. In diesem Jahr wurde sie von der Schildkrötenfreundin Frau Lotti am Kurfürstendamm 212 eröffnet. Ob Frau Lotti wirklich die Tiere mochte oder doch eher deren Panzer kann an dieser Stelle wohl nicht geklärt werdern. In den Folgejahren fanden viele Künsterinnen, Künster, Schauspielerinnen und Schauspieler den Weg in die Schildkröte. Das wurde durch die Lage und die verschiedenen Theater, die quasi in der Nachbarschaft lagen begünstigt.

Da das Gebäude während der Bombenangriffe im zweiten Weltkrieg nur leicht beschädigt wurde, deswegen ist die Schildkröte auch in originalem Zustand geblieben. Später verkehrten dort so illustre Persönlichkeiten wie Franz-Josef Strauß, Hans Albers und Hans Rosenthal. Irgendwann verließ der damalige Besitzer Berlin und ging nach Amrum und Herr Schumacher übernahm. Als Pferdeliebhaber ließ er Gemälde anbringen. Seit 2014 ist die Gaststätte im Besitz von Uwe Schild, dem Betreiber der Tafelrunde. Zu dieser Zeit war Harald Juhnke Stammgast, ehe er täglich um 20 Uhr auf der Theaterbühne stehen musste. Den Charme der Vergangenheit hat sich die Schildkröte definitiv bewahrt, aber der Hunger holt uns zurück in die Gegenwart. Die Vorspeise wird klassisch, wir starten mit einer Hühnerbrühe in den Tag, danach geht’s berlinerisch mit Eisbein, Erbsenpüree, Sauerkraut und Kartoffeln weiter. Und weil es ohne Nachtisch nicht geht, muss noch ein Schokoküchlein mit flüssigem Kern sein. Der Junior nimmt natürlich wieder Schnitzel. Dazu gibt für mich, weil ich es noch nicht kenne, dass Charlottenburger Pilsener. Bevor das Fresskoma einsetzt geht es ins Hotel und ins Bett, da der Tag ereignisreich und anstrengend war.

Am letzten Berlin-Tag können wir etwas länger schlafen, wir müssen erst gegen 10:30 Uhr am S-Bahnhof am Alex sein. Von dort aus geht es über Berlin Hbf und Dortmund zurück ins Münsterland. Ach Berlin, ich habe mich so auf dich gefreut.

Photo by anna-m. w. on Pexels.com

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s